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Die Organisation des Politischen. Pierre Rosanvallons Begriff der „Gegen-Demokratie“ und die Krise der Demokratie

Felix Heidenreich

Abstract


Zusammenfassung

In vielen demokratischen Staaten scheint eine Krise, ja vielleicht sogar eine Erosion der Demokratie zu beobachten zu sein. Gerade das in populistischen Bewegungen ausgeprägte Misstrauen gegenüber Eliten ist jedoch demokratietheoretisch ambivalent. In seiner Monographie über die „Gegen-Demokratie“ entfaltet Rosanvallon eine Analyse dieser Ambivalenz von Praktiken und Institutionen, die den Bürgerinnen und Bürgern in Demokratien die Möglichkeit geben durch Überwachung, Verhinderung und Klage Einfluss zu nehmen. Diese Versuche der politischen Einflussnahme auf jene Formen repräsentativer Politik, die sich durch Wahlen legitimieren, sind nach Rosanvallon genuiner Bestandteil von Demokratie. Sie bilden immer schon Formen aus und tragen dazu bei, den Prozess des Politischen zu organisieren. Im Falle pathologischer Übersteigerung entwickeln sich „gegen-demokratische“ Praktiken zur populistischen Gefährdung der Demokratie, insofern sie das Prinzip der Repräsentation und der Gewaltenteilung in Frage stellen. Welche Konsequenzen ergeben sich im Einzelnen aus Rosanvallons Analyse für die Organisation des Politischen, vor allem im Vergleich zu der von John Keane unter dem Titel der „monitory democracy“ angestellten Analyse? Im Gegensatz zu Rosanvallon ließe sich am Beispiel politischer Parteien zeigen, dass in diesen vermittelnden Institutionen „Demokratie“ und „Gegen-Demokratie“ immer schon ineinander verwoben sind. Ob eine Formgebung gelingt, die diese Konflikte in produktive Bahnen lenkt, hängt wesentlich von der juristisch definierten Rahmensetzung ab. Rosanvallons neuste Vorschläge zur Etablierung neuer Institutionen zur Überwachung von politischen Repräsentanten sind vor diesem Hintergrund wenig überzeugend.

Schlüsselwörter: Gegen-Demokratie, Republikanismus, Vertrauen, Politische Repräsentation, Krise der Demokratie

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Abstract

In many democratic states a crisis or even an erosion of democracy seems to be taking place. The intense mistrust towards political elites, which is a core element of populist movements, is however ambivalent concerning its democratic character. In his book on “Counter-Democracy”, Rosanvallon enfolds an analysis of this ambivalence. He reconstructs the practices and institutions which allow citizens in democratic regimes to gain political influence distinguishing the three elements oversight, prevention and judgement. These attempts to counter the classical forms of political power legitimized by elections are, Rosanvallon claims, a coreelement of democracy. These practices of counter-democracy tend to take specific forms and thereby help to organize the process of the political. Only when they are used in an exaggerated and pathological way, can these counter-democratic practices turn into populism and threaten democracy by questioning political representation in general or the separation of powers. What exactly are the consequences of Rosanvallon’s analysis of the organisation of the political, compared in particular to what John Keane discusses as “monitory democracy”? In contrast to Rosanvallon’s own view, political parties could serve as an example to demonstrate that “democracy” and “counter-democracy” are always intertwined. The laws which define the modus operandi of political parties are decisive in order to make sure that this conflict can be given a productive form. Therefore, Rosanvallon’s most recent propositions concerning new institutions which are meant to allow citizens an even closer surveillance of political representatives, are not convincing.

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Bibliographie: Heidenreich, Felix: Die Organisation des Politischen. Pierre Rosanvallons Begriff der „Gegen-Demokratie“ und die Krise der Demokratie, ZPTh, 1-2016, S. 53-72. https://doi.org/10.3224/zpth.v7i1.06


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