Schreiben als Praxis der Selbst-Beheimatung. Briefe aus der Bevölkerung an Politiker und politische Institutionen nach 1950

Michaela Fenske

Abstract


Zusammenfassung

Schriftliche Mitteilungen an politische Machthaber sind seit der Vormoderne ein wichtiges Instrument der Teilhabe der Bevölkerung. Weitgehend unbeachtet von Wissenschaften und Öffentlichkeit, gehört das Schreiben auch in der Bundesrepublik Deutschland zu den politischen Praktiken der Bevölkerung. So schrieben spätestens seit den 1950er Jahren wieder zunehmend jene Bürgerinnen und Bürger an Politiker sowie politische Institutionen der Bundesrepublik, die mit vergleichsweise wenig ökonomischem, sozialem, kulturellem und symbolischem Kapital ausgestattet waren. Als Medien politischer Kommunikation ermöglichten die Briefe den Schreibenden unter anderem, sich selbst zu beheimaten, sich den neuen Staat und seine Grundlagen sowohl anzueignen als auch, diese mit zu entwerfen und zu gestalten. Konzeptuelle Grundlage des vorliegenden Beitrags ist eine Anthropologie des Schreibens, in deren Zusammenhang Schreiben als kreative Praxis der Weltaneignung und Weltauslegung begriffen wird. Die hier untersuchten Briefe eröffneten den Schreibenden besondere Möglichkeitsräume. Schreiben bot nicht nur individuell eine Möglichkeit der Bewältigung des Erlebten und der Orientierung, schreibend setzten sich die Bürgerinnen und Bürger auch zum Staat in Beziehung. Dabei zeigten sie immer wieder, welche Praktiken aus dem offiziellen politischen Feld bei ihnen auf Resonanz stießen und welcher Maßnahmen es aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger bedurfte, um sich heimisch zu fühlen. Jenseits der in ihnen dargestellten Belange verdeutlichen die Briefe mittelbar auch, wie viele Hürden manche Schreiberinnen und Schreiber auf dem Weg der Selbst-Beheimatung zu überwinden hatten und wie viele Mitglieder der Bevölkerung sich in der Bundesrepublik ausgeschlossen fühlten.

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Bibliographie: Fenske, Michaela: Schreiben als Praxis der Selbst-Beheimatung. Briefe aus der Bevölkerung an Politiker und politische Institutionen nach 1950, BIOS, 1+2-2014, S. 125-138.
https://doi.org/10.3224/bios.v27i1-2.22122

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