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Verkohltes Papier. Von einer brennenden Zelle, gewaltvoller Verdinglichung und dem gemeinsamen Versuch, der Abschiebung zu entgehen

Niki Kubaczek

Volltext: PDF

Abstract


Leseprobe
Leseprobe 2

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Zusammenfassung

Der folgende Artikel geht der Frage nach, welche Begriffe hilfreich sein könnten, den Widerstand von Illegalisierten wahrzunehmen, die sich ihrer Abschiebung widersetzten. Wie nützlich sind hier Konzepte wie „ziviler Ungehorsam“, „Verzweiflungstat“ und „politischer Protest“; und was bedeutet gemeinsamer Widerstand im Kontext nahezu totaler Beraubung an Möglichkeiten und Rechten? Dafür beschäftigt sich der Text sich mit einer brennenden Zelle in der Schubhaft im Polizeianhaltezentrum Wien Hernals. Mit Hilfe von Interviews mit einem der Gefangenen sowie Beobachtungsprotokollen aus der Gerichtsverhandlungen gegen jene sechs Schubhaftgefangenen, die versuchten ihre Abschiebung durch Inbrandsetzung der Zelle zu verhindern, wird die zynische Verdinglichung von nicht-europäischen „anderen“ als koloniale Kontinuität und Produktion illegalisierter Arbeitskraft diskutiert. Gegen Verdinglichung und Entrechtlichung wird dann das „billigende Hören“ als Praxis der Forschung wie der Rechtsprechung vorgeschlagen. Mit dem Fokus auf marginalisierte Formen des Widerstands soll die folgende Auseinandersetzung dazu beitragen, über die Vorstellung von Kollektivität und Öffentlichkeit als vermeintliche Wesenszüge des Widerstands hinauszugehen. Nur durch diese Perspektivenverschiebung, so soll argumentiert werden, kann es der Forschung zukünftig gelingen, jene marginalen Formen des Widerstands wahrzunehmen, welche inmitten der Entrechtlichung und Verdinglichung sowie vor und unterhalb jeder Gemeinschaft stattfinden: Widerständigkeit, die sich der Kollektivität und Öffentlichkeit im gleichen Maße entzieht, wie sie mit der Dichotomie von Verzweiflung versus politischem Protest bricht.

Schlagwörter: Recht, Rassismus, Gefängnis, Abschiebung, Widerstand, commons, undercommons, Subalternität, Illegalisierung, Verdinglichung, Gewalt

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Charred Paper. A Burning Prison Cell, Violent Reification, and the Common Attempt to Escape Deportation

Abstract

This article discusses the following questions: Which terms might be helpful to apprehend the resistance of illegalised people against deportation? How useful are concepts like “civil disobedience”, “acts of desperation” and “political protest”? And, what does resistance mean in a context of almost total deprivation of possibilities and rights? In order to address these questions, the article uses the case of a burning prison cell in Vienna, which was used to detain people pending deportation. Through interviews with one of the detainees, as well as through observation protocols from the trail against the six inmates that tried to prevent their deportation through setting their prison cell on fi re, the article discusses the cynical reification of Non-European “others” as a colonial continuity and as performative of an illegalised workforce. Against reification and the denial of rights, the article suggests “endorsing listening” as a practice for both research and jurisdiction. Resistance is often conceptually linked with notions of collectivity and the public sphere. This article shows that marginalised forms of resistance often occur outside of a collectively and/or the public sphere, while resistance that takes place amid reification and the deprivation of rights breaks the dichotomy between desperation and political protest.

Keywords: law, racism, prison, deportation, resistance, commons, undercommons, subalternity, illegalisation, reification, violence

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Bibliographie: Kubaczek, Niki: Verkohltes Papier. Von einer brennenden Zelle, gewaltvoller Verdinglichung und dem gemeinsamen Versuch, der Abschiebung zu entgehen, PERIPHERIE – Politik • Ökonomie • Kultur, 3-2019, S. 437-458. https://doi.org/10.3224/peripherie.v39i3.06


Literaturhinweise