Antisemitismus als Grenzüberschreitung? Formen und Funktionen von antisemitischer Kommunikation in Fußball-Fankulturen
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Abstract
Antisemitismus ist im Fußball nach wie vor ein virulentes Phänomen, das insbesondere innerhalb von Fankulturen in Erscheinung tritt. Dort äußert er sich unter anderem in der Beschimpfung von Gegnern als „Juden“, in der Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen oder durch antisemitisch codierte Zuschreibungen. Der Beitrag untersucht diese Ausdrucksformen, indem die Strukturen für Diskriminierung in Fankulturen beleuchtet und antisemitische Äußerungen sowie Handlungen anhand sozialpsychologischer Theorien als Grenzüberschreitungen auf drei verschiedenen Ebenen analysiert werden. Dabei zeigt sich, dass Antisemitismus im Fußball keine beliebige Abwertung darstellt, sondern spezifische Funktionen erfüllt. Er macht nicht nur individuelle Ressentiments sichtbar, sondern verweist auch auf kollektive Dynamiken und gesellschaftliche Widersprüche. Ziel der Analyse ist es, ein vertieftes Verständnis von Antisemitismus im Fußball zu fördern und darauf aufbauend gezieltere Präventions- und Interventionsstrategien entwickeln zu können.
Keywords: Antisemitismus, Fußball, Fankultur, Sozialpsychologie, Rechtsextremismus
Bibliographie: Neumann, Micha: Antisemitismus als Grenzüberschreitung? Formen und Funktionen von antisemitischer Kommunikation in Fußball-Fankulturen, FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft, 2-2024, S. 111-127.
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