Regel und Moral: Über den Geist der bürgerlichen Medienerziehung

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Thomas Wenzl

Abstract

Der Beitrag stellt einen Befund aus einem DFG-Forschungsprojekt zur familialen Medienerziehung im Kontext des ersten Smartphones von Kindern vor. Im Fokus stehen Familien der akademischen Mittelschicht, deren Medienerziehung, so eine Grundannahme des Beitrags, das Normalmodell der gegenwärtigen Medienerziehung repräsentiert. Dieses zeichnet sich durch eine spezifische Spannung zwischen Gewährung und Versagung aus: Zwar erhalten Kinder Zugang zu digitalen Medien, doch wird dieser stark reguliert, vor allem durch Regelungen zur „Medienzeit“, die das kindliche Medienkonsumbedürfnis einer rationalisierten Zeitlogik unterwirft. Darüber hinaus äußern sich Eltern der akademischen Mittelschicht erstaunlich offen abwertend über die von ihren Kindern konsumierten Medieninhalte, denen sie regelmäßig das Buch als wertvolles Medium gegenüberstellen. Dies wird als Ausdruck eines erzieherischen Bemühens verstanden, das auf eine selbstdisziplinierte bildungsorientierte Haltung bei Kindern abzielt. Damit reproduzieren sich im Medium der aktuellen Medienerziehung zentrale Elemente einer klassischen bürgerlichen Bildungsethik.
Schlagwörter: Familie, Bildung, Medienerziehung, Smartphone, bürgerliche Gesellschaft


Bibliographie: Wenzl, Thomas: Regel und Moral: Über den Geist der bürgerlichen Medienerziehung, Pädagogische Korrespondenz, 2-2025 (Heft 72), S. 22-32.

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Erscheinungsdatum: Februar 2026
Open-Access-Lizenz: CC BY 4.0

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